Gottesdienst

Gottesdienst
Gottesdienst

Wie bereits erwähnt bin ich als Hobby-Trompeter häufig in Gottesdiensten und gehe danach meistens mit neuen Anregungen und guter Stimmung nach Hause.

Es gibt aber Situationen in Gottesdiensten, bei denen ich nur noch hoffe, dass sie möglichst schnell vorbei gehen.

 

 

  • Liturgische Gesänge, speziell Introitus
  • Das 4. oder 5. Gebet im Gottesdienst
  • Theatralisches Verhalten des Pfarrers
  • Unbekannte Lieder, bei denen kaum jemand mitsingt

Ich verwende Pfarrer als Sammelbegriff für alle „Pfarrpersonen“: Pfarrer, Pfarrerin.

 

Liturgische Gesänge, speziell Introitus

In meiner Jugend (Kurhessen-Waldeck) gab es keine gesungene Liturgie. Auch nicht in der reformierten Gemeinde in der Schweiz. Deshalb bin ich vielleicht voreingenommen. Ich kenne einige Pfarrer, die sehr schön singen können, aber die musikalischen Antworten der Gemeinden sind überwiegend unschön – vorsichtig ausgedrückt. Auf unvorbereitete Gottesdienstbesucher könnte das abstoßend wirken.

Dazu erzähle ich gern die Geschichte von dem überaus intelligenten und neugierigen Marsmännchen, das gerade beim Introitus in die Kirche platzte. Es hielt sich schnell die empfindlichen Ohren zu und verließ fluchtartig die Kirche. Danach wurde es nie wieder gesehen.

Das 4. oder 5. Gebet im Gottesdienst

In meinem Gottesbild ist Gott der „Allgegenwärtige“ – sogar beim Gottesdienst in der Kirche! Deshalb frage ich mich, warum ich ihn so häufig während eines Gottesdienstes formell anrufen soll - die Masse bringt's? Besonders heikel ist für mich der Begriff „Fürbittengebet“.  Fürbittengebete werden manchmal wie eine fernmündliche Bestellung beim lieben Gott vorgebracht. Ich weiß natürlich, dass es meist anders gemeint ist, das sollte aber auch in der Begrifflichkeit, Form und Inhalt jedem Gottesdienstbesucher deutlich werden.

Theatralisches Verhalten des Pfarrers

Dieser Punkt ist eng mit „Gottes Gegenwart“ verbunden. Würde man sich manche  Handlung, manches Auftreten manche Zeremonie trauen, wenn man wüsste: Gott sieht und hört es? Dieser Punkt trifft mehr noch auf katholische Geistliche zu, aber ich habe auch schon evangelische Pfarrer erlebt, die Spezialisten in dem Fach waren. Deshalb habe ich auch schon Gottesdienste vorzeitig verlassen. Muss heutzutage der Pfarrer beim Gebet oder Glaubensbekenntnis der Gemeinde den Rücken zukehren?

Vice Versa

von Christian Morgenstern

Ein Hase sitzt auf einer Wiese,

des Glaubens, niemand sähe diese.

Doch im Besitze eines Zeißes,

betrachtet voll gehaltnen Fleißes

vom vis-à-vis gelegnen Berg

ein Mensch den kleinen Löffelzwerg.

Ihn aber blickt hinwiederum

ein Gott von fern an, mild und stumm.

Lesungen von „unverständlichen“ Bibelstellen

Nur ein Beispiel, das ich persönlich erlebt habe: folgender Text war als Lesung ausgewählt worden: Das Verhältnis zur staatlichen Gewalt; Römer  13 1-7. Es folgte im Anschluss sofort das Glaubensbekenntnis. Vorsicht bei Sprüchen, zu denen man nicht gleich hinreichende Erklärungen abgeben kann, besser noch: man lässt sie weg.

Unbekannte Lieder, bei denen kaum jemand mitsingt

Ein schöner Gemeindegesang ist etwas Erhebendes und belebt einen noch über Stunden, wenn der Gottesdienst längst vorbei ist. Ein miserabler Gesang ist deprimierend und keine Einladung für den nächsten Gottesdienst. 

Es sollten nur Lieder ausgewählt werden, welche die Gemeinde singen kann oder gelernt hat. Neue Lieder müssen eingeübt werden, natürlich an mehreren Sonntagen hintereinander, dafür muss man sich Zeit nehmen. 

Wenn die Gemeinde einen ständigen Kirchenchor hat, würde der nicht nur an besonderen Feiertagen mit kunstvollem, mehrstimmigen Gesang auftreten, sondern  beim Einstudieren neuer Lieder helfen und die Gemeinde sonntags einstimmig und kräftig unterstützen. Evangelisches Gesangbuch: Lieder zum großen Teil mit Texten und Audiofiles (Previews)

Gemeindebeteiligung

In meiner Heimatkirche gab es eine Gottesdienst-Variante, die hieß damals „Christenlehre“. Es war ein Dialog zwischen Pfarrer und Gemeinde, für den Pfarrer war das sehr anstrengend! Dasselbe ließe sich auch mit einer Art Podiumsgespräch darstellen. Das hätte weniger Überraschungsmomente, weil man den Dialog besser steuern könnte, ähnlich wie Interviews mit Politikern. Besinnung auf die jeweils wichtigen Fragen der Menschheit halte ich für wichtiger als eine einheitliche Gottesdienstzeremonie.

Äußerlichkeiten

Verkleidet?
Verkleidet?

Wenn Sie das alles gelesen haben, werden Sie sich auch nicht wundern, dass ich es an der Zeit finde, dass Pfarrer ihre mittelalterliche Verkleidung ablegen. Dann sehen die Gläubigen auch am Äußeren, dass sie in der Neuzeit angekommen sind. Mit diesem Thema habe ich mich im Gespräch mit Pfarrern schon unbeliebt gemacht und viele gute Gegenargumente gehört. Ich weiß also der Talar hält doch den ganzen Pfarrer zusammen und verleiht ihm Autorität und ist noch praktisch wenn es regnet. Wenn es tatsächlich in ferner Zukunft einmal zu dieser Änderung käme, würde es die katholischen Kollegen allerdings viel härter treffen.

Es folgt ein Zitat von Norbert Scholl (kath. Theologieprofessor)

aus seinem Buch "Wozu noch Christentum":

<< Zunächst wird sich das Erscheinungsbild vor allem der römisch-katholischen Kirche grundlegend ändern müssen. Dabei dürfte es verhältnismäßig einfach sein, alles höfische Zeremoniell, alle folkloristisch wirkenden Gewänder und Titel abzuschaffen. Das Christentum braucht keine Prälaten und Monsignori, keine Hochwürdigsten und Hochwürdigen Herren, keine Eminenzen und Exzellenzen. Die Bischöfe müssen sich nicht unbedingt eine Mitra oder einen Pileolus auf den Kopf setzen, einen Ring am Finger tragen und einen Hirtenstab in die Hand nehmen. Mit Ausnahme der Militärs zählt keine öffentliche Körperschaft einen so großen Anteil an Dekorierten, Titulierten und Uniformierten wie insbesondere die katholische Kirche. Nur Diktatoren zeigten und zeigen sich gern in Uniform. >>

 

In einem erneuerten Gottesdienst müsste man auch über eine andere Sitzordnung nachdenken, vor allem nicht in Bänke eingezwängt.

 

Ich sehe auch in dem ständigen Aufstehen im lutherischen Gottesdienst in diesen Zeiten keinen besonderen Sinn mehr. Natürlich ist es gut für den Kreislauf, die Durchblutung und verhindert weitgehend das Einschlafen. Auch an dieser Stelle denke ich an die ständige Gegenwart Gottes. Ich glaube nicht, dass er nur auf Anruf vorbeischaut und ich genau in diesem Moment strammt stehe. Meine Respektlosigkeit kommt vielleicht daher, dass ich es bis zum 30. Lebensjahr nicht gewohnt war.  In reformierten Gemeinden in der Schweiz bleibt man immer sitzen, nur beim Gemeindegesang steht man auf. So unterschiedlich sind die Gewohnheiten und das Verständnis.


 

Der Gottesdienst. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche. Vorgelegt vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland.

 


Zahlen

 

56% der deutschen Bevölkerung gehören einer der beiden großen Kirchen an. Im Durchschnitt besuchen 3,3 % der Mitglieder evangelische Gottesdienste. Es gibt mehr Konfessionslose als evangelische Christen in Deutschland. Hauptgrund für Kirchenaustritte ist die Kirchensteuer (46%), danach folgt Unzufriedenheit mit der Institution Kirche und Amtsträgern (31%).