Schöpfungsgeschichte und Evolutionslehre

Was denkt ein Gynäkologe, wenn ihm eine junge , schwangere Frau etwas von Jungfrauengeburt erzählen will? Ähnlich geht es Naturwissenschaftlern, denen man die Schöpfungsgeschichte als biblische Wahrheit anbietet. Das kann dazu führen, dass die christliche Botschaft pauschal abgelehnt wird. Jeder Mensch strebt ein einheitliches Weltbild an.  Die Evolutionslehre bildet nicht nur eine Brücke für den modernen Menschen, sie bringt auch neue Erkenntnisse, die christliches Handeln erfordern.

 

Hauptunterschiede Schöpfung / Evolution

Alles ist mit allem verwandt

"Alles ist mit Allem verwandt" ist einer der Hauptgedanken der Evolutionslehre. Belebte und unbelebte Natur sind aus denselben Elementen aufgebaut, aus Sternenstaub. Pflanzen, Tiere, Menschen stammen vermutlich von einer einzigen Urzelle ab. Es besteht eine hohen genetischen Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier. Wir sind alle miteinander verwandt. Ist das nicht eine Herausforderung für den Umgang mit der Natur und allen Mitmenschen?

In der Schöpfungsgeschichte dagegen ist der Mensch etwas Besonderes, er hat mit Pflanzen und Tieren nichts gemein, er soll sich Pflanzen und Tiere untertan machen und über sie herrschen. Hat er! Oft des Guten zuviel!

Fortdauernder Schöpfungsprozess

 Die erste Schöpfungsgeschichte endet mit: << Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. >> Das hört sich wie eine abgeschlossene, einmalige Geschichte an. Jedoch wird auch die Meinung vertreten, die Erhaltung der Schöpfung sei so etwas, wie eine kontinuierliche Schöpfung. Das würde ich allerdings nicht mit der Evolution vergleichen, die über Millionen von Jahren immer wieder völlig neuartige Geschöpfe hervorgebracht hat und weiter hervorbringen wird. Die Evolution hat nicht ausgerechnet mit uns ihren Endpunkt erreicht. Ditfurth hat es einmal salopp ausgedrückt: wir sind die Neanderthaler der Zukunft.

 

Wir sind also mittendrin in der Evolution oder dem Schöpfungsprozess und sollten erkennen, dass es nicht gleichgültig ist, wie wir uns verhalten. Wir haben durch unsere übergroße Zahl fast den ganzen bewohnbaren Planeten in Besitz genommen. Wir haben rücksichtslos vernichtet oder vergiftet, was uns unnütz erschien oder im Wege war. Wir töten unsere Artgenossen millionenfach und lagern Waffen, die großflächig alles höhere Leben vernichten können, macht man das mit seinen nächsten Verwandten? Die Evolution wird sicher damit fertig, ähnlich wie die Säugetiere ihre Chance bekamen als die Sauriere ausgestorben waren. Es ist auch eine Überlegung wert, ob nicht die Kriege und  Massenvernichtungen schon eine biologische Reaktion auf die Überbevölkerung sind - rein evolutionär? Ich glaube manchmal wird völlig vergessen, dass wir funktional Tiere sind (wir haben noch manche archaischen Organe in uns) - natürlich mit einigen Besonderheiten. 

Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre

Manche Theologen meinen ohne die Schöpfungsgeschichte gäbe es kein Loblied auf den Schöpfer. Ich denke, dass wir heute mehr von der Größe der Schöpfung ahnen können, als die Menschen damals. Alle Möglichkeiten des Universum waren schon in den ersten Elementarteilchen angelegt *). Pierre Teilhard de Chardin hat einmal gesagt: << Gott macht, dass sich die Dinge selber machen.>> Es ist kein besseres Prinzip denkbar, als dass sich Geschöpfe fortlaufend an Umweltbedingungen anpassen und weiterentwickeln können. Den Autoren der Schöpfungsgeschichte fehlten diese Kenntnisse, obwohl sie sicher auf der Höhe der damaligen Wissenschaften waren. Sie kannten keine Kugelschreiber, keine Fahrräder, keine Handys, keine Elektrizität .... Selbstverständlich mussten sie annehmen, dass Gott alles so gebastelt hatte, wie sie es vor Augen hatten.


*) die Rahmenbedingungen, nicht der exakte Fahrplan für einen vorherbestimmten Endzustand.

Ist die Evolutionslehre glaubwürdig?

Ein Zitat von Hoimar von Ditfurth, das die Grenzen unseres Wissens deutlich macht: << Unser Gehirn ist nicht zur Welterkenntnis geschaffen, sondern zur Verbesserung unserer Lebenschancen. Die Welt, so wie sie ist, bleibt auch uns endgültig unerreichbar. Dass eine Ameise von den Sternen nichts weiß, halten wir nicht für einer Erklärung bedürftig. Dass auch ein Affe noch hoffnungslos von der Möglichkeit getrennt ist, verstehen zu können, was es mit der gelben Scheibe auf sich hat, als die sich der Mond auch auf seinen Augenhintergrund projiziert, gilt uns ebenfalls als trivial.  In dem Augenblick aber, in dem es um die Frage nach den Grenzen unserer eigenen Einsichtsfähigkeit geht, da halten wir mit einem Male das Gegenteil für selbstverständlich. Da glauben wir allen Ernstes an die Möglichkeit, dass der Umfang der Realität mit der von uns erlebten Welt identisch sei.>>

 

Also sollten wir vorsichtig sein, wenn wir behaupten die ganze Realität zu kennen. Anderseits, unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse funktionieren so gut, dass sie in mancherlei Hinsicht ein Abbild der Wirklichkeit sein müssen. Eine wissenschaftliche Theorie bleibt so lange gültig, bis man nachweisen kann, dass sie nicht stimmt. Die Evolutionslehre ist nicht widerlegt. 

 

Nochmals ein Zitat, diesmal von Karl Popper << Die allgemeine Evolutionstheorie, also die Behauptung, dass das Leben auf der Erde in langsamer Entwicklung zu dem geworden ist, was es ist, hat eine außerordentliche Überzeugungskraft. Sie erlaubt Annäherungen so unterschiedlicher Gebiete wie der Paläontologie, der Embryologie und sogar gewisser Bereiche der Medizin. Viele sehr unterschiedliche Probleme finden so durch sie eine Art gemeinsame Erklärung. Es ist wenig wahrscheinlich, dass sie jemals ernsthaft in Frage gestellt wird. Natürlich ist sie überprüfbar. Und natürlich könnte sie widerlegt werden, wenn man die Reste eines Autos in Gestein aus dem Kambrium fände. " >>

 

Wollen wir allen Ernstes annehmen, dass die vor mehr als 2000 Jahren niedergeschriebene Schöpfungsgeschichte glaubwürdiger ist als die Schöpfungsgeschichte nach unserem heutigen Weltbild?

Konsequenzen

Wenn wir denn die Evolutionslehre als Schöpfungsgeschichte unserer Zeit ansehen (müssen), so ergeben sich auch neue Aspekte für unseren Glauben.

Die Autoren des AT hatten ein Problem: Gott hatte den perfekten Menschen erschaffen (Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut), doch die Realität  mit den Menschen sah anders aus: Mord, Betrug, Diebstahl, Ehebruch usw. Da brauchte man eine Erklärung, nämlich die Geschichte vom Sündenfall. Nach der Evolutionslehre gibt es auch eine perfekte Schöpfung, aber sie entwickelt sich noch. Gott weiß was er gemacht hat und wo wir stehen. Die Begriffe Erbsünde, Sünde, Erlösung, Krankheit, Tod , Jüngstes Gericht, Theodizee bekommen folglich eine völlig neue Bedeutung. Diese neuen Bedeutungen kann man den Menschen unserer Zeit verständlicher machen, als die alten theologischen Begriffe. Alles Lebensfeindliche im weitesten Sinne , alles was die Evolution zum Guten behindert, könnte man jetzt als Sünde bezeichnen. Das Jüngste Gericht werden wir selbst herbeiführen, wenn wir mit unserer zerstörerischen Art fortfahren und der Tod ist nicht der Sünde Sold.

 

Im Altertum fürchteten die Menschen Naturgewalten, Krankheiten, Hunger, Tod deshalb versuchten sie die Götter (oder später den Einen Gott) durch Opfer und Zeremonien zu bestechen, im Mittelalter mit Selbstkasteiung, guten Werken, und Ablass. Luther erkannte, dass man dadurch keinen gnädigen Gott kaufen und allein der Glaube an Gott und den Erlöser retten kann. Dieser Glaube wurde später auch in dem Sinne missverstanden, dass man für die ewige Seligkeit nur alle wundersamen Geschichten verstandesmäßig Für-wahr-Halten muss. Die Evolutionslehre sagt uns, dass wir Gott nicht mehr "bestechen" müssen, denn er kennt uns "Neandertaler der Zukunft" er liebt seine Schöpfung, die Guten und die Bösen. Das ist zugleich ein Auftrag, dass wir es nicht mehr allein bei dem Glauben belassen können, denn wir sind bewusst oder unbewusst an der Evolution beteiligt. Deshalb meine ich, dass Christen und Kirchen sich bei entsprechend wichtigen Entscheidungen in die Politik und Gesellschaft einmischen müssen - so lange sie noch gehört werden! 

 

Diese Gedanken sollen als Anregung dienen. Vielleicht werde ich das Kapitel später fortführen. Ich möchte jetzt das Thema - mit ein paar Zitaten und Texten für das weitere Nachdenken - beenden.

 

Zitate und Texte

Hans-Rudolf Stadelmann: Unsere Aufgabe ist es, heute das zu tun, was die Theologen früherer Jahrhunderte damals taten, nämlich die Kernstücke des Glaubens der Kirche Jesu Christi neu zu artikulieren. Unsere Aufgabe ist es, die Theologie von Grund auf zu erneuern, das Evangelium für unsere Zeit zu erläutern.

 

Hoimar von Ditfurth: Wie lange wollen die Theologen die Probleme noch ignorieren, die daraus entstehen, dass beide Wahrheiten, die des wissenschaftlichen Verstandes und die der Religion, letztlich dann doch in den Köpfen konkreter einzelner Individuen gemeinsam Platz finden müssen? Das Festhalten an einem gespaltenen Weltbild hat daher bedenkliche Konsequenzen. Denn in uns allen schlummert der Verdacht, dass nur eine der »beiden« Wahrheiten, auf die zugleich man uns einschwören will, wahr sein kann. Beim Naturwissenschaftler und all den Menschen, deren Weltbild in wesentlichen Zügen von der modernen Naturwissenschaft geprägt ist, führt das zu einer zunehmenden Hinwendung zum Atheismus, zu dem Versuch also, mit dem Diesseits und der eigenen Vernunft allein zurechtzukommen.

 

Rupert Lay: Viele Theologen weisen jede profan-wissenschaftliche Bildung weit von sich. Sie wähnen sich im Besitz einer ewigen und unvergänglichen Wahrheit, eine Wahrheit in der (durch den Heiligen Geist) kein Irrtum vorkommt. Die profanen Wissenschaften erleben immer wieder die Zeitabhängigkeit all unseren Wissens. So kann einmal in Zukunft der jüngste Student gegenüber Einstein recht haben.

 

Rudolf Bultmann: Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muss sich klar machen, dass er, wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.

 

EKD Texte 94  Weltentstehung, Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube in der Schule (PDF-Download) Aus dem Vorwort: << Ich wünsche dieser Orientierungshilfe Aufmerksamkeit und Verbreitung bei allen, die sich in Schule und Gesellschaft mit den Fragen der Entstehung der Welt und des Lebens auseinandersetzen und der Bedeutung des biblischen Schöpfungsglaubens nachgehen. Für die allgemeine Bildung wie für den persönlichen Umgang mit diesen Themen ist es nötig, sich nicht der Oberflächlichkeit anheimzugeben, sondern sich tiefer liegenden Einsichten zu öffnen und sie in angemessener Weise zur

Sprache zu bringen. Berlin/Hannover, im Februar 2008 Bischof Dr. Wolfgang Huber Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

 

Thomas Junker: Die "erstaunlichen Übereinstimmungen zwischen Bibel und Evolutionstheorie (PDF-Download). Thomas Junker widerlegt in diesem Artikel Übereinstimmungen.

 

Darwin-Karrikatur
Darwin-Karrikatur

Habe ich etwas Entscheidendes vergessen?

Nein, es gibt in unserem Sinne keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Gott existiert. Aber es gibt auch keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Gott nicht existiert und die Evolutionslehre hat nach meinem Verständnis schon gleich gar nichts damit zu tun. Ich dachte mit den versuchten "Gottesbeweisen" wären wir durch. 


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