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Christentum im Zeitalter der Wissenschaft

Albert Einstein: »Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind.« 

Ich erlebe seit Jahrzehnten schmerzlich wie der Kirche die Mitglieder davonlaufen und dass in vielen Gesellschaftsgruppen die Kirche überhaupt nicht mehr wahrgenommen wird! Das hat verschiedene Ursachen, eine wesentliche: die Kernbotschaft der Kirche erscheint vielen Menschen veraltet und nicht mehr relevant für ihr Leben mit einem völlig anderen Weltverständnis.

 

Wissenschaftliche Erkenntnisse werden zwar von den Kirchen nicht mehr verdammt und deren Urheber nicht mehr ermordet, sie werden sogar verbal anerkannt aber keine theologischen Schlüsse aus ihnen gezogen. Mit heute gängigem Vokabular werden oft Glaubenslehren verbreitet, die von den Zuhörern verlangen uralte Weltbilder als »christlichen Glauben« anzunehmen, besonders nachhaltig durch die Liturgie.

  

Es ist irreführend, wenn behauptet wird, die biblischen Weisheiten unterscheiden sich im Wesentlichen nicht von dem Wissen unserer Zeit und wenn beispielsweise Schöpfungsgeschichte und Evolutionslehre passend zurecht gebogen werden.

 

Ich möchte deshalb gerade am Beispiel der Schöpfungsgeschichte zeigen, dass unser Wissen vom Universum ein völlig anderes Bild vom Menschen und seiner Beziehung zu Gott zeichnet, als in den traditionellen Lehren der Kirche.


Vorbemerkung:

Ich bin mir bewusst, dass die biblischen Schöpfungsgeschichten keine naturwissenschaftlichen Beschreibungen zur Entstehung der Welt sein wollen, sonst hätten die Verfasser die Widersprüche zwischen den beide Schöpfungsgeschichten sicher ausgemerzt. Ich gehe dennoch darauf ein, weil viele Aussagen der Schöpfungsgeschichten und der Urgeschichte heute nicht mehr haltbar sind aber im theologischen Lehrgebäude nach wie vor eine wichtige Rolle spielen.

 

Wenn man sich etwas näher mit der Entstehung des Universums und des Lebens befasst, wird man feststellen, dass diese Erkenntnisse um ein Vielfaches erstaunlicher und wunderbarer sind, als die Bibel es ausdrücken kann.

 

Einem weiteren möglichen Kritikpunkt möchte ich vorab begegnen: ja, auch unser heutiges Wissen ist Stückwerk. Dazu könnte man lange Artikel schreiben, ich möchte es hier nur an einem einzigen Punkt fest machen. Wir können nur etwa 5 % der Materie im Universums »sehen«, über die restlichen 95 % (dunkle Energie und dunkle Materie) wissen wir nichts. Dennoch können wir unserem Wissen mehr vertrauen als dem, der Bibelautoren vor ein paar tausend Jahren (sie kannten keine Kugelschreiber, keine Fahrräder, keine Streichhölzer, keine Teleskope, kein elektrisches Licht, keine Raketen, keine Galaxien, keine Evolutionslehre ....). 

 

Religiöse Aussagen sind unglaubwürdig, wenn sie im klaren Gegensatz zu gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen. Relativitätstheorie und Evolutionslehre sind gesichertes Wissen, sie werden weiterentwickelt, aber in ihren Grundaussagen auch in Zukunft Bestand haben.


Urknall und Evolution

Aus konzentrierter Energie entstanden Elementarteilchen, daraus Atomkerne und im weiteren Verlauf Atome (hauptsächlich Wasserstoff und Helium) und durch Kernfusion in Sternen sämtliche chemischen Elemente. Aus diesen Elementen und deren Verbindungen besteht unsere unbelebte und belebte Natur und damit natürlich auch wir Menschen.

 

Der Mensch wurde nicht als vollkommenes Wesen von seinem Schöpfer auf die Erde gestellt. Der Mensch entwickelte sich aus Kohlenstoffverbindungen, Makromolekülen, Bakterien und über viele weitere Entwicklungsstufen (Mehrzeller, Wassertier, Landtier) zum heutigen Menschen. In seinem Körper, seinen Genen, seinen Instinkten, seinem Geist sind noch viele nachweisbare Bestandteile dieser frühen Entwicklungsstufen und er ist deshalb weit entfernt davon der fehlerlose Mensch zu sein. Viele Eigenschaften, die für unsere tierischen Vorfahren lebenswichtig waren, sind in unserer Zivilisation nun problematisch. Diese Erbschaft unserer Entwicklungsgeschichte kennt der Schöpfer besser als wir selbst und er wird niemanden für diese »Sünden« zur Rechenschaft ziehen und bestrafen. Die Evolution (Schöpfung) ist allerdings nicht beendet, auch der Mensch wird sich weiterentwickeln und dadurch vielleicht dem Idealbild näher kommen.

 

Das Christentum geht davon aus, dass Gott den perfekten Menschen geschaffen hat und dieser durch Ungehorsam zum Sünder wurde und dadurch der Tod und alles Elend in die Welt kam und nur der Opfertod Jesu die Menschheit retten konnte. Diese Vorstellung der Bibelautoren im Altertum ist nachvollziehbar, aber nicht mehr mit dem Wissen unserer Zeit.

 

Man schätzt, dass es im Universum die unvorstellbar große Zahl von etwa 10¹⁸ (also eine 1 mit 18 Nullen) erdähnliche Planeten gibt. Auf vielen dieser Planeten ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Leben entstanden und entwickelt sich dort noch. 

 

Das Menschenbild der Schöpfungsgeschichte hat dazu beigetragen unsere biologischen Wurzeln aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Diese menschliche Überheblichkeit macht uns gerade in der Gegenwart große Probleme.

 

Ich habe in diesem Abschnitt nur wissenschaftliche Ergebnisse genannt, Nachweise und Erklärungen waren aus Platzgründen nicht möglich, sie  finden Sie ausführlich in den unten angegebenen Büchern und Videos. 


Religiöse Glaubenssätze werden teilweise durch Naturwissenschaft untermauert, ergänzt oder korrigiert:

  • Der Schöpfer steht zu allen Menschen, den Guten und den Bösen (!), zu seiner Schöpfung, dem gesamten Universum und allem, was es gibt.
  • Wir Menschen sind nicht die Einzigen um die sich alles dreht, wir sind nicht der Mittelpunkt von Allem (das hatten wir schon einmal im Mittelalter!). Das unvorstellbar große Universum ist voller Leben, wahrscheinlich gibt es darin sehr viele hoch entwickelte Kulturen. Die Menschheit ist nicht einzigartig und nicht unentbehrlich.
  • Wir haben längst noch nicht unsere höchste Entwicklungsstufe erreicht. Wir werden uns allerdings nur weiterentwickeln, wenn wir uns selbst und unsere Umwelt nicht zerstören. Das wird nur gelingen, wenn wir die Weltbevölkerung wieder auf ein verträgliches Maß reduzieren können. Alle anderen Maßnahmen sind und bleiben unzureichend. Aus Sicht unserer Mitgeschöpfe breitet sich die Menschheit wie eine Plage über die Erde aus.
  • Wir müssen erkennen, dass Pflanzen und Tiere unsere nächsten Verwandten sind, dass wir aus dem gleichen »Sternenstaub« bestehen, dass wir denselben Ursprung haben, ganz ähnlich »funktionieren« und aufeinander angewiesen sind.
  • Es wäre von Anfang an klüger gewesen mit den Naturwissenschaften zu kooperieren als sie zu bekämpfen. Gott zeigt sich eben nicht nur in der Bibel (also nur unseren Ur-Vorfahren), sondern auch in seinen Werken.

Aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen ergibt sich zwanglos, dass folgende Geschichten Ihren ursprünglichen Sinn verloren haben, sie können jedoch in anderen Zusammenhängen interessant sein:

  • Sündenfall, Sintflut, Sühneopfer
  • und damit verbundene Begriffe wie Erbsünde, Jungfrauengeburt, Dreieinigkeit, Weltgericht, Hölle

Ich werde die Punkte nicht im einzelnen begründen, sie sind durch Nachdenken leicht nachvollziehbar. Die unten angegebenen Bücher und Videos können dabei helfen.


Nachwort:

Es gibt evangelische Pfarrer, die an Reformen arbeiten und diese auch umsetzen. Das geschieht in den Grenzen, die Kirchenleitungen und Gemeinden zulassen. Die Volkskirchen werden sich aber auf absehbare Zeit nicht ändern. Eine Auswahl von Gründen:

  1. Weil die Kirchen im Netz ihrer „ewigen Wahrheiten” und zahlreichen Dogmen gefangen sind und „Offenbarungen” ausschließlich aus der Bibel beziehen wollen.
  2. In den Führungsgremien der Kirchen keine Ansätze für Veränderungen erkennbar sind, nicht einmal das Reformationsjubiläum gab einen Impuls für theologische Reformen.
  3. Unter Reformen versteht man weitgehend verwaltungstechnische und finanzielle Änderungen.
  4. Viele Menschen beharren auf einem traditionellen Christentum.
  5. Es herrscht Unsicherheit wie die Kirchen tiefgreifende Reformen überstehen würden.
  6. Priester müssten Privilegien aufgeben (zum Beispiel: Sündenvergebung, absolute Deutungshoheit, Kostümierung...).

Bedenklich: es gibt inzwischen deutlich mehr Konfessionslose in Deutschland als Mitglieder der Evangelischen Kirche. Von diesen Mitgliedern besucht nur noch ein kleiner Bruchteil regelmäßig kirchliche Veranstaltungen. 


Büchern zum Thema:

Hans-Rudolf Stadelmann: Im Herzen der Materie: Glaube im Zeitalter der Naturwissenschaften

Stefan Klein: Das All und das Nichts. Von der Schönheit des Universums

Hoimar von Ditfurth: Wir sind nicht nur von dieser Welt.

Carel van Schaik: Das Tagebuch der Menschheit: Was die Bibel über unsere Evolution verrät

 

Empfehlenswerte Videos:

Scobel - Evolution - Von den Anfängen bis in die Zukunft

Entstehung des Lebens - Wo kommen wir her?

Materie, Higgsfeld, Quantenmechanik, Leben und Bewusstsein

 

Frühere Beiträge meiner Webseite:

Kirche- Naturwissenschaft - Evolution

Entwicklungsmöglichkeiten der Kirchen.

Der Sündenfall

Schöpfungsgeschichte kontra Urknall und Evolution

Weltbevölkerung

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf habe ich auf der Seite Kirche / Gesellschaft von mir modernisiert.


Zitat von Hans-Rudolf Stadelmann (Atomphysiker und Theologe)»Unsere Aufgabe ist es, heute das zu tun, was die Theologen früherer Jahrhunderte damals taten, nämlich die Kernstücke des Glaubens der Kirche Jesu Christi neu zu artikulieren. Unsere Aufgabe ist es, die Theologie von Grund auf zu erneuern, das Evangelium für unsere Zeit zu erläutern.«